Zwei Leben, ein Tisch
Im Gespräch wurde deutlich, wie eng persönliche Lebenswege mit den grossen Fragen nach Zusammenleben, Menschenwürde und Frieden verbunden sind.
Dr. Bernard Sabella, 1945 in Jerusalem geboren, ist palästinensischer Soziologe, Autor und ehemaliger Parlamentarier. Über 25 Jahre lehrte er an der Bethlehem University und engagierte sich später für palästinensische Flüchtlinge. Seine Frau Mary unterstützte Studierende dabei, berufliche Perspektiven zu entwickeln und Kontakte zu Arbeitgebern zu knüpfen. Beide Familien mussten 1948 ihre Heimat verlassen und verloren vieles, was ihr Leben geprägt hatte. Dennoch, erzählte Bernard, hätten seine Eltern nie schlecht über jüdische Menschen gesprochen.
Die beiden erinnerten an ein Jerusalem, in dem Christen, Muslime, Juden und Drusen einander begegneten und den Alltag teilten. Heute ist dieses Zusammenleben von grossen Schwierigkeiten geprägt. An der Bethlehem University mussten Studierende Strassensperren und Kontrollen überwinden, um ihr Studium fortzusetzen. Besonders eindrücklich war die Geschichte einer jungen Frau, die Krankenschwester werden wollte, weil sie ihrem getöteten Bruder nicht hatte helfen können. Aus ihrer schmerzlichen Erfahrung erwuchs der Wunsch, anderen Menschen beizustehen.
Für Bernard und Mary Sabella ist Bildung deshalb mehr als Wissensvermittlung: Sie eröffnet Zukunft, auch unter schwierigen Bedingungen. Beide sprachen offen über die Grenzen des Dialogs und die Herausforderungen des Zusammenlebens. Ihre Überzeugung bleibt, dass militärische Gewalt keinen dauerhaften Frieden schafft und Menschen nicht auf ihre Herkunft oder Religion reduziert werden dürfen.
Auch der Ort der Begegnung verlieh dem Gespräch eine besondere Tiefe. Die Kapuziner kamen 1589 nach Luzern, als religiöse Spannungen das Zusammenleben prägten. Sie wollten den Menschen nahe sein und Brücken bauen. Der heilige Franziskus suchte ebenfalls die Begegnung über religiöse Grenzen hinweg, als er unbewaffnet zum Sultan ging.
In der Klosterbibliothek erinnert der heilige Hieronymus mit seinem Löwen an Bethlehem, wo er lebte und die Bibel ins Lateinische übersetzte. Durch die Erzählungen der Gäste erhielt dieser vertraute Ort eine neue Verbindung zum Heiligen Land. Für einen Moment waren Bethlehem und Luzern mehr als zwei weit voneinander entfernte Orte: Sie begegneten sich in den Geschichten zweier Menschen.
Vielleicht beginnt Frieden genau dort – wenn wir einander zuhören und die Erfahrungen anderer an uns heranlassen. Bernard und Mary Sabella erinnern daran, dass Verständigung nicht selbstverständlich ist, aber möglich bleibt, solange wir im Gegenüber zuerst den Menschen sehen.
- bruder george