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Wach auf, steh auf

Es war noch stockfinster, als sich die ersten Schritte in den Klostergarten wagten. Halb sechs Uhr morgens an Ostern – wer steht da schon freiwillig im Freien?

Und doch waren sie da. Jahr für Jahr. Nicht aus Pflichtgefühl, nicht aus Gewohnheit. Sondern weil sie etwas suchten, das man um halb zehn am sonnigen Frühstückstisch nicht findet: die nackte, ungeschminkte Begegnung mit dem Aufbruch selbst.

Wir standen zwischen Dunkel und Licht, beim Feuer, unter dem offenen Himmel. Die letzte Woche war kühl und grau gewesen – aber Tag für Tag wurde es heller, wärmer. Und heute: Ostern. Mit neuer Kraft. Franziskus hätte gesagt: Die Schöpfung singt mit. Und wir stimmten ein.

Dann kam der Moment, der uns jedes Mal aufs Neue packt.

Wir holten die Fürbittzettel des vergangenen Jahres hervor. Ein ganzes Jahr lang hatten Menschen ihren Kummer, ihre Hoffnung, ihre Not in Worte gefasst – und diese Worte in die Fürbittebox gelegt oder still online eingetippt, manchmal zögernd, manchmal in grosser Dringlichkeit. Jeden Freitag wurden diese Anliegen in der Gemeinschaft laut gebetet. Kein Name ging verloren. Kein Seufzer verschwand ungehört. Nun landeten sie nicht im Altar, nicht in der Schublade – sondern im Feuer.

«Ich werfe sie jetzt ins Feuer. Nicht weg. Nein – hinein in den Osterjubel», sagte der Bruder, der die Zettel in den Händen hielt. Manche nennen es vielleicht ein Ritual. Wir nennen es Loslassen mit Verwandlungschance.

Bruder Feuer knisterte und leuchtete an diesem Morgen wie selten.

«Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch den du die Nacht erleuchtest», zitierten wir den Sonnengesang. Franziskus wusste, wovon er sprach: Feuer wärmt, aber es kann auch verwüsten. Es war Gottes Feuersäule auf dem Weg in die Freiheit – und es flackerte in der Nacht, als Petrus seinen Meister verleugnete. Aber auch am See von Tiberias, beim Kohlefeuer mit Brot und Fisch. Und an Pfingsten, als es züngelnd über jedem Menschen gegenwärtig war.

Das Wasser plätscherte derweil leise im Brunnentrog.

«Schwester Wasser», nannten wir sie. Leben spendet sie allen, köstlich, klar und gering. Wir schöpften das Regenwasser der vergangenen Tage, segneten es. Es erinnerte an die Taufe – an jenes kühne Untertauchen in Gottes Ja zu uns. Und wie bei Jesus im Jordan öffnete sich der Himmel: «Du bist mein geliebter Sohn.» Freude. Reine Freude.

Wir besprengten einander mit diesem Wasser, spürten die Frische auf der Haut. Gott erneuert uns – jeden Morgen. Wie den Garten nach dem Winter.

Dann wurde es still. Sehr still.

Wir standen zwischen zwei Friedhöfen. Dort liegen die Kapuzinerbrüder, deren Lebenskreis sich geschlossen hat. Und in der Welt tobt der Krieg. Im Libanon, in der Ukraine, in Gaza. Zehntausende Tote. Menschen, denen der Tod nicht als Bruder willkommen ist. «Bruder Tod», sang Franziskus. «Kein Lebender kann ihm entfliehen.» Wir schwiegen. Verstummten fast.

Doch dann gaben wir das Licht der Osterkerze einander weiter – nicht weil es den Tod abschafft, sondern weil es uns lehrt, den Tod in einem anderen Licht zu sehen.

Der Kehrvers trug uns durch den Morgen wie ein Atemholen: «Wach auf, steh auf – und Christus wird dir leuchten.»

Akkordeon und Flöte begleiteten uns, kein festliches Orchester, sondern fast kammermusikalisch, fast zögerlich – und genau das passte. Ostern um halb sechs ist kein Triumphgebrüll, sondern ein zaghaftes, aber unerschütterliches Staunen.

Wir stimmten an, was uns durch diese Stunde trug: «Ihr Christen, singet hocherfreut – der Herr der ewgen Herrlichkeit ist von dem Tod erstanden heut.» Und nach jeder Strophe, wie ein Herzschlag: Halleluja. Halleluja. Halleluja.

Jede und jeder brachte sein Licht nach vorne. Ein Meer aus Kerzen wuchs im Sand vor dem Altar – das Licht als Lobgesang, als Zeichen der Verbundenheit, als Funke, der weitergeht.

«Macht uns zu Funken deines Jubels. Zu Licht, das weitergeht. Zu Wärme, die teilt. Zu Menschen, die Hoffnung tragen – mit der ganzen Schöpfung zusammen.»

Das ist es vielleicht, was uns um halb sechs morgens aus dem Bett trieb: Nicht die Gewissheit, sondern die Sehnsucht. Nicht die Antwort, sondern die Frage, die sich lohnt.

Ostern passiert nicht im Warmen, nicht im Hellen, nicht im Bekannten. Ostern passierte hier: im Nassen, im Kalten, im Ungewissen. Zwischen Dunkel und Licht. Beim Feuer. Unter dem offenen Himmel.

Und die Vögel? Sie waren längst wach. Sie predigten uns seit Stunden. Wir hörten erst jetzt hin.

- bruder george