Zum Hauptinhalt springen

Eine traurig karge Erzählung

Der Karfreitag lebt einerseits von einer Wort-Wüste, welche in ihrer Erzählung auch als Wort-Überfülle erlebt werden kann. Spannend war dieses Jahr eine Sequenz, da gleichzeitig der Kreuzweg Jesu wie auch ukrainische Kriegsgeschichten - natürlich auch aus der Perspektive von Opfern - vorgelesen wurde. Welch eine Ergänzung!

Karfreitag – das Unaushaltbare kann nicht einfach handhabbar gemacht werden. Palmsonntagnachmittag in St. Gallen eine bis auf den letzten Platz gefüllte Kathedrale, wunderschöne Musik. Es wurde die Matthäus Passion von Johann Sebastian Bach geboten, mit grossem Chor, Orchester, Solistinnen, Solisten…  Gestern und heute Abend in der Tonhalle Zürich: Johannes Passion von Johann Sebastian Bach. Morgen Abend in der Tonhalle Zürich: Matthäus Passion, wahrscheinlich ausverkaufte Konzerte… Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Konzertangeboten zur Passion. Die Menschen strömen zu den Konzerten und hören die Leidensgeschichte Jesu.  

Wir haben sie heute auch gehört, die Passion, die Leidensgeschichte Jesu nach dem Evangelium von Markus, von wunderbarer Musik umrahmt. Die Todesstunde Jesu als schön gestaltete Feier? Passt das? Geht das?  Was geht in uns vor, wenn wir zuhören? Was geht in den Menschen vor, die heute Abend in der Tonhalle sitzen und der wunderbaren Musik lauschen?  Haben wir uns den Karfreitag glattgebürstet?  Müsste nicht auch ich jetzt einfach nur schweigen, nach diesen Worten, dieser grausamen Hinrichtung?  Was kann man noch sagen, wenn man sich diese ungerechte Gewalt wirklich vor Augen führt?

Da gibt es Menschen, die Lust verspüren, einen Menschen zu demütigen, Lust einem Menschen die letzte Würde zu nehmen. Die Grausamkeit und die Lust an der Grausamkeit lassen uns in die menschlichen Abgründe blicken, zu was wir Menschen fähig sind… Das raubt einem die Sprache… Und ich spüre Trauer, Wut und Ohnmacht. Wut über die Gewalttäter und, dass dieses Gewalt kein Ende nimmt. Dass in Kriegen Menschen ihrer Würde und ihrer körperlichen und seelischen Integrität beraubt werden. Menschen, die in die Hände von solcher Gewalt geraten, werden geschändet, vergewaltigt, Männer und Frauen und Kinder. Ich kann es nicht ermessen, was das bedeutet für jeden Einzelnen. 

Ausgerechnet Jesus wird so umgebracht, er, der das Gegenteil von Gewalttätigkeit gelebt hat. Er, der die Menschen ins Leben gerufen hat, Menschen aufgerichtet hat, er, der Menschen von Besessenheit und Unfreiheit befreit hat, er, der die Weite und Liebe Gottes auf die Erde geholt hat…

Und da! Eine Frau, sie erkennt in ihm dem König der Liebe, sie salbt ihn mit kostbarem Oel, wie wenn sie alles schon wüsste und seinen Leib salbt, ihm die letzte Ehre erweist… Sie kommt, die Männer rundum haben keine Ahnung, sie wird angepöbelt. Was will denn DIE hier? Was macht denn DIE hier? Sie erkennen ihre Liebe nicht. Und - da wird Jesus streng: Schweigt, lasst sie in Ruhe!  Schweigt, lasst sie in Ruhe, er widersetzt sich dem Hass, den er in den Voten der Männer spürt. Wie mancher Mensch geht an solchem Hass zugrunde. Ich denke an die sozialen Medien, wo Menschen, Frauen Spielball werden für schmutzige Männerfantasien und Männer, die nicht den Männlichkeitsidealen entsprechen, regelrecht fertig gemacht werden. Jesus lässt es nicht zu, dass Menschen gedemütigt werden. Stunden später wird er selbst diesem Hass ausgeliefert.  Wo sind sie, die ihm zugejubelt haben noch vor Tagen in Jerusalem? Die Stimmung ist gekippt, man will auf der Seite der Stärkeren stehen und keinen Looser – keinen Verlierer unterstützen.

Ich glaube wir brauchen diesen Zorn,  der sich dem glattgebürsteten Karfreitag entgegenstellt, wir brauchen den Zorn auch gegen eine bestimmte Frömmigkeit, die alles erklärt mit dem Opfer Jesus.  Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn opfert  -  und alles mit einer süsslichen Liebe verbrämt? 

Die Theologin Annette Jantzen schreibt: «Ich will nicht, dass diese Wut, dieser Zorn einfach weggeliebt werden. Ich will, dass es aufhört. Mit so einer Auflösung ins Wohlgefallen ist es nicht getan. Und dann wendet sich mein Zorn auch gegen eine Theologie, die alles so ruhig erklären kann, Abgründe überbrückt, Unaushaltbares handhabbar macht, die nicht mehr erschrickt, die sich nicht beirren, schon gar nicht erschüttern lässt. Ein Gott, der sich so dermaßen nicht im Griff hat, dass er so eine Sühne braucht, da werde ich lieber glühende Atheistin.»

Das Unaushaltbare kann nicht handhabbar gemacht werden auch nicht mit der schönsten Musik. Und doch!  - vielleicht hilft gerade das, dass wir es aushalten können. Denn das Unaushaltbare kann nur im Miteinander ausgehalten sein, in der Solidarität für die Liebe und gegen jeden Verrat. «Liebe kann nicht untätig und gleichgültig bleiben, wenn andere verletzt werden oder ihnen die Freiheit genommen wird», schreibt Rita Perintfalvi, die ungarische Theologin.  Die jesuanische Radikalität der Liebe ist eine Art Mut, die die Kosten des Handelns niemals abwägt. DIE LIEBE weiß, dass nach dem Karfreitag immer eine Auferstehung folgt    -    Aber immer erst danach!  Jesus stirbt in die Ungewissheit hinein: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Die Augen schauen ins Leere - schreibt Jaqueline Keune
Die Steine schweigen in den Wind
in Sichtweite
die gekreuzten Balken
die gefallenen Panzer
das ausgeweidete Dorf
mit dem lieben Namen
Gewiss, das Leben geht weiter – 
Irgendwann 

Vielleicht morgen oder übermorgen, dass Menschen wieder aufstehen,  dass sie wieder Frühstück machen, dass es weitergeht das Leben,aber nicht heute…

 

Gedanke zum Karfreitag in der Klosterkirche von Monika Schmid