Erlebte Erinnerung
Ziemlich regelmässig hüte ich meine beiden Grossneffen, jetzt 5 und 3 Jahre. Vor kurzem, als ich den Jüngeren wickelte, ja er trägt noch Windeln und er ein ziemliches Pfund in der Windel hatte, sagte er zu mir: «Gäll es stinkt! Und du muesch dänn guet lüftä, nid das es no stinkt, wänn du gasch ga schlafe.» Er sagte dies mit einer echten Fürsorge und war so dankbar, wieder eine frische Windel zu haben.
Ein anderes Mal hatte ich mich an einem Fingernagel ein bisschen verletzt, er sah es und wollte helfen. Ich sagte: «Weisch, das isch nid schlimm, ich nimm dänn es Schärli und schniide de Eggä ab und dänn isch wieder guet.» Dann spielte er mit seinem Bruder. Nach ca. zwei Stunden kam er und sagte: «Häsch du jetzt nüme wee am Finger, häsch du de Eggä vom Nagel chönne schniide?» Ich nahm in den Arm und sagte ihm, dass alles wieder gut sei.
Die Fürsorge dieses kleinen Kindes hat mich berührt. Einmal war er so besorgt, dass es stinken könnte, wenn ich dann schlafen möchte und beim andern Mal hat er nach zwei Stunden ausgiebigem Spiel nicht vergessen, dass ich eine kleine Verletzung hatte am Finger.
Liebe und Fürsorge eines Kindes. Hoffentlich kann der Knabe dies behalten habe ich gedacht, hoffentlich kann er diese Liebe und Fürsorge mitnehmen in sein Leben in sein späteres Mannsein. Wie sehr braucht die Welt fürsorgliche Männer und Frauen, liebende, die der einen Liebe vertrauen. Männer und Frauen, die aus dieser Liebe leben, auch wenn sie dafür Nachteile in Kauf nehmen müssen…
Heute Abend berührt mich die Fürsorge von Jesus für seine Freunde. Ich glaube nicht, dass es ihm einzig um das Beispiel geht, das er seinen Jüngern geben will. Die Fusswaschung, ein Liebesdienst, der ganz aus Jesus herauskommt, nichts Aufgesetztes, KEINE Theorie, nur Liebe. Petrus versteht es noch nicht. Ob er Jesus je ganz verstanden hat? Mich hätte interessiert, wie die andern reagiert haben. Haben sie sich berühren lassen von dieser Fürsorge? Was ist bei ihnen angekommen? Ist es angekommen, dass Jesus mit ihnen von Herz zu Herz eins war in diesem Moment, in dieser schlichten Geste?
Tragt Sorge zu euch, tragt Sorge zueinander, das allein zählt, das spricht aus dieser Geste UND es liegt der ganze Widerstand darin, gegen eine Welt, die sich von der Macht des Stärkeren leiten lässt.
Vor zwei Wochen erhielt die ungarische Theologin, Rita Perintfalvi, hier in Luzern den Herbert Haag Preis . Sie hätte in Östereich an der Uni Graz ein sicheres und gut situiertes Leben haben können. Doch sie wollte zurück nach Ungarn, weil sie spürte, dass ihre Leute sie dort in ihrer Heimat brauchen würden. Durch die Regierung Orban, herrscht in Ungarn eine quasi Diktatur, die den Menschen ihre Freiheit raubt. Obdachlose gelten zum Vornherein als Verbrecher, Homosexuelle und queere Menschen, sind ihres Lebens nicht mehr sicher und die katholische Kirche ist ganz und gar mit dieser Regierung verstrickt. Ihr Einsatz als Theologin, für die gleiche Würde aller Menschen hat eine Hexenjagd gegen sie ausgelöst. Die eigenen Kirche möchte sie zum Schweigen bringen. Rita Perintfalvi hält durch für ihre Leute, für ihr Land aus Liebe…
In ihrer Dankesrede sagt sie: Solange wir unsere Körper, unsere Arme und Beine bewegen können, solange wir noch atmen können, solange unsere Herzen Blut in unsere Adern pumpen, können wir Widerstand leisten und lieben. Liebe ist die einzige wirkliche Heilung für den Hass und die Wunden dieser gebrochenen Welt.
Was in Ungarn geschieht, ist nur ein Symptom für die Krankheit, die unsere ganze Welt angesteckt hat. Die Demokratie, das Menschenrechtsdenken und die gesamte westliche Zivilisation, in deren Zentrum die Botschaft des menschgewordenen Gottes, die Lehre des Meisters über die Nächstenliebe steht, befinden sich in Gefahr.
Diese Liebe kann nicht untätig und gleichgültig bleiben, wenn andere verletzt werden oder ihnen die Freiheit genommen wird. Die jesuanische Radikalität der Liebe ist eine Art Mut, die die Kosten des Handelns niemals abwägt. Welches Opfer ist erforderlich? – fragt sie nie. Sie tut nur ihre Aufgabe. Sie ist einfach, selbstverständlich und heiter. Denn sie, DIE LIEBE weiß, dass nach dem Karfreitag immer eine Auferstehung folgt - Aber immer erst danach!
Einladung eine Rose zum Kreuz zu bringen
So lade ich Sie jetzt ein, dieser Geste der Fusswaschung nachzugehen. Die Rose in unserer Hand, Symbol der Liebe. Wir stellen sie vorne zum Kreuz, unser Liebesdienst heute Abend – wir denken an jemanden, der/die unsere Fürsorge unser Einstehen für diese Liebe besonders braucht.
Und wenn es uns möglich ist, dann setzen wir diese Fürsorge für diesen Menschen in den nächsten Tagen in die Tat um…
Gedanke vor der Fuss-Waschung von Monika Schmid