«Hosanna» zwischen Klostermauern und Apfelblüten
Gemeinsam mit Ruth Bisang, Bruder Paul sowie dem Musikerduo Zsuzsanna und Akos Szabó gestaltete die Gemeinschaft einen Gottesdienst, der weit mehr war als liturgische Pflichtübung. Es war eine Begegnung – mit einer alten Geschichte, die verblüffend viel mit unserer Gegenwart zu tun hat.
Den Ton setzte die Theologin Ruth Bisang mit einer Predigt, die nachdenklich stimmte, ohne belehrend zu wirken. Sie erinnerte daran, dass «Erinnern» in der biblischen Tradition kein blasses Zurückdenken ist. Es ist ein Gegenwärtig-Setzen: Das Vergangene hat Wirkkraft gerade jetzt.
Jesu Einzug in Jerusalem auf dem Esel – kein triumphales Bild, sondern ein bewusstes Zeichen. Kein Kriegsross, keine goldene Kutsche, kein Palast. Ein Arbeitstier. Ruth Bisang machte deutlich, was das bedeutet: Jesus versteht sich als König – aber als einer, der keine Gewalt anwendet, der sich nicht einmal wehrt, als Petrus zum Schwert greift. Ein Friedensfürst, der sich den Mächtigen nicht anbiedert, sondern sich den Schwachen zuwendet.
Und dann die Frage, die im Klostergarten kurz in der Luft stand: «Warum sind wir, 2000 Jahre später, noch nicht weiter? Warum ist die Botschaft des Friedens noch immer so unerhört?»
Keine einfache Antwort. Aber ein Hinweis: Weltfrieden beginnt im Kleinen. In der Geste, die einem gedemütigten Menschen Würde zurückgibt. In dem Blick, der nicht auf Schuld, sondern auf Möglichkeit gerichtet ist. Jesus stellt die gekrümmte Frau in die Mitte und heilt sie. Er sagt der Ehebrecherin: «Ich verurteile dich nicht. Fang ein neues Leben an.» Das mögliche Gute von morgen, so Ruth Bisang, ist wichtiger als das vergangene Schlechte.
Mit den Zweigen in den Händen und dem alten Ruf «Hosanna!» – rette uns, hilf uns – wurde aus einem liturgischen Akt ein gemeinsames Bekenntnis: Wir wollen solche Friedensbringer unter uns begrüssen. Wir wollen uns gegenseitig ermutigen, das zu tun, was dem Frieden dient.
Wer sich fragte, warum man ausgerechnet zu stacheligen Zweigen greift, um Frieden zu feiern, bekam von Bruder Paul eine ebenso überraschende wie erhellende Antwort.
Die Stechpalme – botanisch Ilex aquifolium – ist keine junge Pflanze. Fossile Blattabdrücke belegen, dass sie bereits vor rund fünf Millionen Jahren in Europa heimisch war. Lange vor dem Christentum galt sie als heilige Pflanze: Bei den Römern schützte sie vor Dämonen und Blitzschlag, bei Kelten und Galliern zierte sie zu Wintersonnenwende die Hauseingänge, um gute Geister anzulocken und Böses fernzuhalten.
Das frühe Christentum tat sich schwer mit diesen Bräuchen – Verbote wurden ausgesprochen. Doch die Volksfrömmigkeit, besonders in England und Irland, liess sich nicht beirren, und schliesslich wurden die heidnischen Wurzeln in christliche Deutung überführt. Die roten Beeren der Stechpalme stehen für die Blutstropfen Christi, das satte Grün für die Hoffnung auf neues Leben, die Stacheln für die Dornenkrone. So wurde aus einem vorchristlichen Schutzsymbol die Symbolpflanze für Christus selbst – und der Ilex fand seinen Platz als «Palme» am Palmsonntag.
Bruder Paul erzählte auch, dass der englische Name «Holly» – von Ilex aquifolium – seinen Weg in den Namen Hollywood fand: Der Stadtteil Los Angeles wurde 1888 von der Familie Wilcox auf einem Gelände gegründet, das von Stechpalmen bewachsen war. Ein Steckpalmenwald, aus dem später die Traumfabrik der Welt wurde.
All das wäre nur halb so lebendig gewesen ohne die einfühlsame musikalische Begleitung von Zsuzsanna und Akos Szabó. Mit Saxophon und elektrischem Piano webten die beiden eine Klangwelt, die dem Gottesdienst Tiefe gab, ohne ihn zu überlagern. Ihre Musik trug die Stimmung – mal innig, mal aufbrechend – durch den ganzen Anlass: vom Einzug bis zur stillen Kerzenandacht bei den Fürbitten, durch die Prozession entlang der Apfelpergola hindurch, und wieder zurück.
Bei den Fürbitten wurde der Raum für jene geöffnet, die leiden – an Krieg, Vertreibung, Armut, Unterdrückung. Keine Worte, die alle benennen wollten. Stattdessen Stille und das leise Aufflackern einer Kerze. Ein schlichtes Zeichen, das mehr sagt als jede Rede.
Der Klostergarten ist kein politischer Ort. Aber er ist ein Ort, an dem grosse Fragen einen Platz haben. An diesem Palmsonntag war spürbar: Das Kloster lebt. Es denkt nach, feiert, singt, fragt und zündet Kerzen an – für eine Welt, die Friedensbringerinnen und Friedensbringer dringend braucht.
Hosanna. Hilf uns. Rette uns.
- bruder george
Predigt: Ruth Bisang, Theologin | Erklärung zur Stechpalme: Bruder Paul | Musikalische Begleitung: Zsuzsanna und Akos Szabó (elektrisches Piano und Saxophon)