Was bleibt
Ein Haus gehört uns lediglich für eine begrenzte Zeit; bald werden andere Hände dieselben Türen öffnen und andere Augen dasselbe Abendlicht betrachten. Dieser Gedanke ist keineswegs melancholisch, sondern befreiend. Wer lernt loszulassen, was ohnehin nicht zu halten ist, gewinnt Raum für das unmittelbare Jetzt.
Glück lässt sich nicht festhalten – es will empfangen werden. Es zeigt sich in kleinen, unverhofften Momenten: dem goldenen Licht auf dem Tisch, dem tiefen Zuhören eines Mitmenschen oder der stillen Klarheit eines frühen Morgens. Solche Augenblicke gleichen warmen Steinen in der Hand – sie spenden Wärme und ziehen leise weiter. Die wahre Kunst besteht nicht im Bewahren, sondern im offenen, achtsamen Empfangen.
Genau diese Haltung spiegelt das Wesen der Fastenzeit wider: keine schwere Last des Verzichts, sondern eine einladende Öffnung des Herzens. Wer die Hände nicht zur Faust ballt, bleibt fähig, wahre Geschenke anzunehmen.
Das Lied «99 Johr» des Luzerner Musikers KUNZ bringt diese Weite auf berührende Weise zum Klingen. Es erinnert uns daran, dass in neunundneunzig Jahren nahezu alles anders sein wird – nur die Berge bleiben. Dennoch trägt die Stimme im Lied die leise Hoffnung, dass auch künftige Generationen das Morgenlicht sehen und darin dieselbe tiefe Freude finden mögen.
Solche Hoffnung braucht keine grossen Worte. Sie gleicht einem stillen Wunsch, der sanft durch die Zeit zieht: für Menschen, die wir nie begegnen werden, und für Leben, die nach unserem kommen. Wer so zu wünschen wagt, spürt, wie sich das eigene Herz weitet und der Blick freier wird.
In dieser Fastenzeit darf genau dieser stille, grosszügige Wunsch wachsen – dass jene, die nach uns das Morgenlicht grüssen, Spuren von Behutsamkeit und Achtsamkeit vorfinden.
— bruder george, Talia
Inspiriert vom Lied «99 Johr» von KUNZ.
Die Gedanken sind Teil der laufenden Fastenzeit Meditation im Kapuzinerkloster Wesemlin. Jede Woche lassen wir uns von einem Schweizer Mundart Lied inspirieren.