Bruder Walter Annen
Bruder Walter Annen lebt seit sechs Jahren in Luzern. Zuvor hat er im Kapuziner-Hospiz in Zürich-Seebach gelebt und gewirkt.
Kapuziner gelten oft als begnadete Prediger und vielleicht sogar als versierte Theologen. Doch hat die diesjährige 800 Jahr Feier des Todes, Transitus von Franz von Assisi auch wieder deutlich gemacht, dass der Heilige selbst ein Poet und Briefschreiber war. Da sucht man vergebens nach theologischen Traktaten des gefeierten Bruders. Ähnlich wie bei Franziskus ergeht es dem Interviewer bei Bruder Walter Annen auf die Frage nach dem Lieblingsgebet. Bruder Walter zückt ein Blatt mit einem selbst gedichteten schlichten Gebet um die Gnade der leeren Hände:
Guter Gott
wir bitten dich um die Gnade der leeren Hände, denn du hast uns die Sorge für die Schöpfung anvertraut und die Liebe zum Nächsten aufgetragen.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir sie falten können zum Gebet.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir auf deine Hilfe vertrauen.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir sie einander zum Gruss und Frieden reichen.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir zupacken können, wenn wir helfen sollen.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir für die Notleidenden Verständnis haben.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir nicht überheblich werden.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit wir einst vorbereitet sind auf unsern Tod.
Gib uns die Gnade der leeren Hände, damit du sie füllen kannst mit deinen Gaben.
Und gib uns die Gnade, dass wir mit anderen teilen, was unsere Hände füllt.
Denn unser Leben ist in deiner Hand und von dir empfangen wir Gnade um Gnade durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.
Für Bruder Walter atmet das Gebet franziskanischen Geist: «Man muss frei werden, um Gott begegnen zu können. Das hat Franziskus immer wieder sehr betont», erinnert er sich lebhaft und bestimmt. Franziskanische Armut würde der Kapuziner deshalb dahingehend verstehen, frei und offen zu werden für Gott. Erst so kann man göttliche Gnaden annehmen und empfangen.
Für die Liturgie hat Bruder Walter oft Gebete geschrieben, die dann sein Leben begleitet haben. Darunter gibt es auch spannende Experimente. So hat er einmal ein Hochgebet als Wechselgebet mit der Gemeinde verfasst, das ihm in bester Erinnerung ist. In seiner liturgischen Praxis und Sprache sucht der Kapuziner die Balance zwischen Tradition und geerdeter Aktualisierung. Bruder Walter legt Wert darauf, Maria eine Magd und nicht eine Dienerin zu nennen. Wir sprächen von Christus, dem Knecht Gottes, und nicht vom Diener Gottes. Biblisch begründet betet er im Angelus-Gebet auch gerne von der Fleischwerdung Christi und nicht von dessen Menschwerdung: «Der biblische Gegensatz ist Geist und Fleisch», nicht Geist und Mensch.
Dank an Klara von Assisi
Nachdem nun mehrere Jahre ein Franz von Assisi-Höhepunkt nach dem anderen gefeiert wurde, könnte man meinen, dass mit den 800 Jahr-Feierlichkeiten Katerstimmung herrscht. Nicht so bei Bruder Walter. Für ihn ist geschichtlich die Zeit nach dem Tod von Franziskus (1226) bis zum Tod einer Klara von Assisi (1253) wichtig. Ihm zeigt gerade Klara von Assisi, wie das Evangelium in schlichter Armut und Treue gelebt werden kann, «ohne Exotik und Überhöhung». Der Kapuziner betont, dass gerade sie eine geerdete, nicht abgehobene Spiritualität verkörperte. Als erste Frau schrieb sie eine Ordensregel, die erst kurz vor ihrem Tod durch Papst Innozenz IV. bestätigt wurde. Die Phase von 1226 bis 1253 sieht Bruder Walter als entscheidend für die Stabilisierung der franziskanischen Bewegung an.
Die intensive Auseinandersetzung mit Klara begann mit dem Buch von Marco Bartoli, Klara von Assisi; Die Geschichte ihres Lebens (1993) und sie lässt Bruder Walter bis heute nicht mehr los. «Und zwar weil sie erfasst hatte, was Franziskus eigentlich wollte.» Besonders aufgefallen ist ihm die Kraft, ihre Gemeinschaft beieinander zu halten, sowie offen für die Besuche der Brüder wie auch der Armen, Kranken und Bedürftigen zu bleiben. Eben, «eine Spiritualität, die nicht abgehoben, sondern geerdet ist». Lebhaft ergänzt Bruder Walter: «Selbst ist sie nie gross ausser Haus gegangen, wollte jedoch keine Klausur, sondern eine begegnungsoffene Gemeinschaft.» Darum würde Bruder Walter Schwester Klara gerne danken für ihre Weisheit und die treue Art und Weise wie sie franziskanisches Leben weitergeführt hat, ohne dabei exotisch zu werden.
In der Buchbeschreibung ist zu lesen: Marco Bartoli bietet in seiner Biografie keine «romanhafte» Darstellung der Klara; vielmehr beschreibt er ihr Leben in enger Anlehnung an das vorhandene Quellenmaterial. So kann er Klara einerseits von Mythen und Legenden befreien und andererseits das Bild einer selbstbewussten und faszinierenden Frau entstehen lassen.
« In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir» (Apg 17,28)
Die Rede des heiligen Paulus auf dem Areopag, dem Hauptplatz von Athen. , prägt nebst vielen auch Bruder Walter. Er findet darin eine zusammenfassende, schlichte Formulierung des Christentums: geerdete Spiritualität, die ohne Überforderung auskommt. Vor allem im Religionsunterricht war ihm diese Stelle wichtig geworden. Denn Lebensfreude und Getragen-Sein durch Gott, Christus lässt sich daraus ableiten. Alles ohne spektakuläre Frömmigkeitsleistungen!
Der Areopag von Bruder Walter Annen war seinerzeit die Schule mit dem Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie die Volksmissionen, mit den Errungenschaften und Ergebnissen des 2. Vatikanischen Konzils. «Ich hätte studieren sollen in Fribourg, Mediävistik und Englisch», erinnert sich der Kapuziner. Doch waren ihm die Menschen in den Pfarreien und mit den Volksmissionen näher. Vielleicht wie beim Heiligen Franz von Assisi, der nicht als grosser Theologe, aber als Bruder unter den Menschen gelebt und gewirkt hat. Und das aus einer grossen Gottes-Suche und -Verbundenheit heraus. Und nicht zu vergessen, bei und mit den Menschen, «teilnehmend» beschreibt das Bruder Walter und erzählt viele Beispiele aus seinem Leben.
Das war früher. Aber heute? «Während meiner aktiven Zeit hatte ich keine Zeit für die Verwandten. Jetzt bin ich in einer Lebens-Phase, da ich mit ihnen eine ganz andere und tiefere Beziehung aufbaue und lebe», beschreibt er seine heutige Lebenssituation, die von einer speziellen Erfahrung geprägt wird: «An meinem 70. Geburtstag feierte ich mein Fest an einem Sonntag, am Samstag vorher habe ich meine Nichte beerdigt». Beides ging nicht spurlos vorüber. Heute besucht er oft die Familie seines Neffen und den jüngeren Bub, der an einer seltenen Krankheit leidet und rund um die Uhr Betreuung braucht. Die Eltern sind froh, wenn ich ihnen ein bisschen von dieser Last abnehme.» Mittlerweile ist der Bub bereits acht Jahre alt und wir freuen uns immer noch, wenn wir gemeinsam Zeit verbringen können.
Br. Adrian Müller