Bruder Adrian Müller
Bruder Adrian Müller, der seit September 2025 in Luzern lebt und vorher im Kapuzinerkloster Schwyz gelebt und gewirkt hat, hat bereits 1992–1994, 1995–1997 und 2010–2012 in Luzern gelebt. Nun hofft er, dass der Luzerner Aufenthalt dieses Mal etwas länger als zwei Jahre dauern möge.
Gebetsstrukturen prägen den kapuzinischen Alltag. Der Tag von Bruder Adrian Müller wird auch von Lesestrukturen geprägt. Der Morgen beginnt mit einem Kaffee und spiritueller Lektüre im Zimmer. Zurzeit ist dies das Jahreslesebuch Mystik für Christen von Odilo Lechner und Michael Langer. Aktuelle Texte sowie Kurztexte aus der christlichen Tradition prägen den Tagesbeginn. Durch den Tag sind es Fachbücher und Dokumente; im Moment die Plenarräte der Kapuziner (im Oktober wartet eine interessant internationale Tagung auf den Bruder). Und abends sind es literarische Hörbücher, die den Lese-Tag abrunden.
Auf dem Weg sein
Der Salzpfad von Raynor Winn, den Bruder Adrian Müller hier erzählen will, hat er zuerst im Kino (Regie: Marrianne Eliot) gesehen und später mit dem Hörbuch (gelesen von Jutta Speidel) vertieft. Für einen Artikel im Franziskuskalender 2027 wurde dann noch das E-Book zu Hand genommen. „Vielfältige und kreative Zugänge zu Geschichten mag ich sehr“, betont Bruder Adrian. Film und Buch haben eine eigene Sprache und können kongenial sein. Und ein Hörbuch hat wiederum einen eigenen Klang, respektive Stimme.
Der Salzpfad handelt von Raynor und Moth, seit 32 Jahren ein Bauern-Paar, das über den Tisch gezogen wird, all ihr Eigentum verliert und auf der Strasse landet. Der Mann ist schwer krank und hinkt. Trotzig begeben sich die beiden Obdachlosen mit schweren Rucksäcken auf den wildesten und längsten Küstenweg Englands, den South West Coast Path. «Roadmovies haben mein ganzes Leben geprägt», erinnert sich Bruder Adrian, der ab und zu schalkhaft erzählt, wegen den Bremer Satdtmusikanten (Schallplatte der Schlierener Chind) bei den Kapuziner gelandet zu sein. Nein, Esel, Hund, Katze und Hahn sind noch nicht in Bremen angekommen. Genauso die Kapuziner, die noch auf dem Weg ins Reich Gottes sind und in ihren Klöstern, bei Speis und Trank das Leben geniessen - Esel, Hund, Katze und Hahn sind ja im Räuberhaus und wissen nicht, ob sie nun wirklich nach Bremen wollen. Auch Western und vor allem Science-Fiction, d.h. Weltraumwestern, liebt er sehr.
Roadmovies leben vom Weg, vom unterwegs sein. Die Kapuziner nennen das Itineranz. ITE, ihr Zeitschriftentitel bedeutet ja geh, mach dich auf den Weg. Auch die beiden Heimatlosen im Salzpfad sind auf dem Weg und erleben schöne und weniger schöne Überraschungen. Wie Franz von Assisi, dem reichen Händler, der arm wurde und der Minoritas, dem Mindersein frönte, wird aus den gutbürgerlichen Gutsbesitzern heimatlose Obdachlose auf dem Weg, getrieben von Wind und Wellen, Hunger und Durst, Enttäuschung und Frust. Aber sie entdecken das Leben, wie die Bremer Stadtmusikanten und vor allem die Kapuziner auf ihrer steten Wanderschaft. Bruder Adrian hat in seinem Leben schon 21-mal gezügelt. «Nein, der Weg ist nicht das Ziel» ist Bruder Adrian überzeugt. Aber er hat auch so seinen Eigenwert und es gibt viel Wunderbares und Schönes zu entdecken. Das Ziel, das Reich Gottes vor Augen, geht es vorwärts.
Ausgerichtet sein
Sein Lieblingsgebet stammt vom zu früh verstorbenen Kapuziner Anton Rotzetter im sehr zu empfehlenden Gebetsbuch Gott, der mich atmen lässt. Bruder Adrian meditiert sehr gerne und vertieft sich gerne in der Kontemplation. Das Gebet von Anton Rotzetter – wichtige Gebete muss man auswendig können – ist häufig ein Starter in die Stille oder ein Lichtbringer in trockene Gebetsphasen:
Du, Sonne meines Lebens, ich streck mich dir entgegen, ich will hineintauchen in dich und baden in dir. Lass mich umgeben sein von Licht und Wärme, ergriffen von deinem Feuer, durchdrungen von deinen Strahlen. Amen.
In einer Predigt hat Bruder Adrian gehört, dass man das Getragen Sein im Fluss-Schwimmend meditieren kann. Getragen Sein bekommt so eine körperliche Erfahrung. Im Gebet von Anton Rotzetter geht es nicht nur um das Geheimnis, sondern auch auf eine Beziehung, ein ausgerichtet sein, mit vielen Sinnen und Erfahrungen. «Ja, das trägt mich in guten und schlechten Tagen», ist der Kapuziner überzeugt. Wichtig scheint ihm das sogenannte Wiederkäuen (Ruminare in der mittelalterlichen Tradition) von Gebeten. Die Gebetsmühle führt in die Tiefe, manchmal in sprachlose Räume. Doch braucht es dazu Zeit und Geduld.
Ein neuer Blick auf die Bibel
Auf Augustinus geht die Aussage zurück: Gefährlich sind die Leser, die nur ein Buch lesen, dieses aber richtig (aus dem Kopf zitiert). Im vertieften Lesen geht Menschen stets Neues auf. «Gut, da gibt es zum Glück Geschwister, die einem weiterhelfen und auf blinde Flecken aufmerksam machen», meint der Gottsucher dankbar. Besonders prägend ist im Moment der Podcast Feministische BibelGespräche von Luzia Sutter Rehmann und Ulrike Mettennich. Für den Missionskalender 2026 hat er seine grösste Entdeckung der letzten Jahre aufgeschrieben. Hier die Variante davon:
«Ich bin geprägt von meinem Umfeld und lese die Bibel mit einem spezifischen kulturellen Hintergrund. Als Theologe habe ich gelernt mit meinem eigenen Blick auf die Bibel kritisch umzugehen und mich zu fragen, was will die Bibel, Jesus von Nazareth wirklich sagen. Im Frühling 2025 erlebte ich wieder einmal ein wunderbares Aha-Erlebnis – und davon will ich hier erzählen. Ein wahrer Neubeginn!
Im Religionsunterricht nahmen wir als Kinder «Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten» (Lukas-Evangelium 19,11-27) durch. Die Diener erhalten Talente und müssen mit diesen arbeiten, während ihr Herr nicht zu Hause, auf Reise ist. Die ersten beiden geschäftstüchtigen Diener vermehren ihre Talente/Silbergeld, der dritte vergräbt es und gibt dem Herrn zurück, was er bekommen hat. Der dritte Diener wird vom Herrn verstossen und erniedrigt. Die ersten beiden Diener sind die braven, die Helden!
Die erste, kapitalistische, «falsche» Interpretation sagt den Kindern, dass sie im Leben Talente bekommen und diese im Leben einsetzen sollen, ja im Angesicht dieses Gleichnisses produktiv einsetzen müssen, wenn sie nicht in die äusserste Finsternis kommen wollen, dort wo Heulen und Zähneknirschen ist. Welch eine Droh-Botschaft! Kann sie von Jesus von Nazareth stammen? Hat sie mit einem gütigen Vater zu tun, wie wir es beispielsweise beim «Gleichnis vom barmherzigen Vater» oder beim «Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen» (Lk 15,11-32) kennen? Nein, das kann nicht sein. Im Winter 2025 habe ich in einem Podcast eine neue, mich überzeugende Auslegung für dieses Gleichnis gehört. Mir viel es wie Schuppen von den Augen und ich bin mit diesem Gleichnis nun versöhnt.
Jesus erzählt in seinen Gleichnissen stets von seinem Lebenshintergrund. Oft behandeln seine Gleichnisse landwirtschaftliche Themen. Beim Gleichnis der Silberstücke – in der Bibel kurz vor dem Einzug in Jerusalem und vor der Kreuzigung erzählt – geht es um eine politische Geschichte in Jesu Zeit. Jesus Tod wird vorausgenommen. Denn Jesus ist wie der dritte Diener. Beim Geschichtsschreiber Flavius Josephus (~37~100 n. Chr.) können wir den geschichtlichen Hintergrund nachlesen. Herodes der Grosse war gestorben und Archelaus, sein Sohn, wollte König von Jerusalem werden. Das musste Archelaus in Rom mit dem Caesar klären. Aber Archelaus war in der Bevölkerung wegen seinen Grobheiten und seiner Brutalität sehr verhasst. Schon bevor Archelaus nach Rom reiste liess Archelaus nach Angaben von Flavius Josephus 3000 Menschen abschlachten, um den Widerstand gegen sein unbeliebtes Königtum in der Bevölkerung zu brechen. Er hatte den Ruf, noch brutaler als sein Vater zu sein. Eine Gesandtschaft von gut 50 Adligen reiste nach Rom und sprach ergebnislos vor dem Caesar gegen das Königtum von Archelaus. Caesar ernannte Archelaus zum König und Archelaus liess die ganze Gesandtschaft nach der Rückkehr hinrichten. Das war die damalige Geschichte und Jesus musste seinen Zuhörenden im Gleichnis nur sagen: «Die Bürger seines Landes aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und liessen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser König wird über uns.» (Lk 19,14)
Mit diesem Wissen im Hintergrund zeigt sich, dass der vornehme Herr des Gleichnisses ein böser mordender König (Archelaus) ist – irrtümlicherweise denken wir oft zu schnell an gute Herren statt an Unterdrücker. Die erfolgreichen Diener haben also für den bösen Herrscher gearbeitet, d.h. ungerechtfertigt hohe Steuern eingetrieben, ja ausgepresst. Deshalb waren die Zöllner damals sehr verhasst. Der dritte Diener weiss um den bösen geldgierigen Herrscher – und der vornehme Mann des Gleichnisses weiss es auch: Dann kam wieder ein anderer und sagte: Herr, da hast du deine Mine, die ich in einem Tuch verwahrt habe. Denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast.» (Lk 19,20-21) Der böse Herrscher widerspricht der Feststellung du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast nicht und lässt den ehrlichen Diener hinrichten.
Was wollte Jesus mit diesem Gleichnis sagen? Achte gut darauf, mit wem du zusammenarbeitest, wem du dienst. Nicht jeder König (Autokrat) ist ein guter Mann. Menschen, die Gerechtigkeit und Ehrlichkeit hochhalten, können unter die Räder kommen – und so erging es auch Jesus von Nazareth, der am Kreuz gestorben ist – ähnlich wie dem dritte Diener. Mit dieser neuen Sichtweise macht mir das Gleichnis der Talente Sinn – und hat heute im Zeitalter der Autokraten grosse Aktualität erhalten. Mit wem arbeite ich zusammen. Vielleicht braucht es da mal einen Neubeginn, eine Neuorientierung und vor allem eine Arbeitsverweigerung?»
Br. Adrian