Was der Garten weiterschenkt
Der Ort liegt nah genug an der Stadt, um gut erreichbar zu sein, und doch genug entfernt, um für einen Moment aus dem städtischen Betrieb auszusteigen. Unten geht der Alltag weiter, als wäre nichts. Hier oben, im Gartenpavillon, stehen an diesem Vormittag zehn bis fünfzehn Menschen zusammen. Sie schneiden Lavendel, Salbei, Rosmarin, Pfefferminze und andere Kräuter aus dem Klostergarten.
Die meisten sind Frauen. Manche kommen schon seit Jahren, andere zum ersten Mal. Ein Aushang an der Bushaltestelle, ein Hinweis im Kloster oder eine Ehefrau, die sagt: «Komm doch auch mit, sie brauchen noch fleissige Hände» – so finden die meisten hierher.
Bruder Paul organisiert im Hintergrund, Rita gibt Anleitungen. So entsteht das Werk beinahe wie von selbst, als wäre das Binden eine Sprache, die alle schon verstehen. Viel muss dabei nicht erklärt werden. «Es geht viel besser im Team», sagt eine Frau und zeigt einer Neuen, wie die verschiedenen Kräuter zusammengefügt werden müssen, damit das Kräutersträusschen seine Form bekommt.
Wer hier bindet, kennt oft jede Pflanze beim Namen. «Mein Grossvater wusste, was das ist», erzählt eine Frau, während ihre Hände Salbei und Pfefferminze zusammenfügen. Ihre Familie lebte in den Bergen, weit weg vom nächsten Arzt. Dort hing ein getrockneter Kräuterstrauss über der Tür als eine Art Schutz und auch als Medizin. Erinnerungen werden ausgetauscht. Der Garten bietet den Rahmen, in dem solche Geschichten wieder erzählt werden dürfen.
Am 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt und dem Patrozinium der Klosterkirche, führt der Weg nach der Segnung der Kräuter durch die Apfelbaumpergola in die Kirche.
Aus dem Handwerk des Vortags wird wesentlicher Teil des Gottesdienstes. Der Legende nach fanden die Jünger nach Marias Tod ein leeres Grab vor, jedoch erfüllt mit vielen duftenden Kräutern. Im Klostergarten wird diese Geschichte nicht nur erzählt. Sie wird jedes Jahr neu mit den Händen nachvollzogen und der Duft der Kräuter lässt etwas vom Himmel erahnen
Früher hängte man den geweihten Strauss hinter das Kreuz. Bei Gewitter warf man etwas davon ins Feuer, bei Fieber kochte man Tee daraus. Heute nehmen die Menschen ihn mit nach Hause und legen ihn an einen Ort, an dem er gesehen wird und an den Segen erinnert. Der Brauch bleibt derselbe. Nur seine Bedeutung wandert mit den Menschen und der Zeit weiter.
Auch ein Mann sitzt heute an einem der Tische. Eigentlich hat er nur seine Frau begleitet. Am Ende des Vormittags sagt er, er werde nächstes Jahr wiederkommen – aus eigenem Antrieb. Zwischen Rosmarin und Pfefferminze hat er etwas verstanden: Heilung kann manchmal ganz einfach sein. Gemeinsam etwas zu binden, das länger hält als ein Tag.
Der Klostergarten verändert die Kräuter nicht. Aber er verändert, was Menschen mit ihnen verbinden. Wer hierherkommt, bringt eigene Fragen und Erinnerungen mit: an die Herkunft der Pflanzen, an Gesundheit und Heilung oder einfach an den Wunsch, für einen Moment innezuhalten. Und am Ende nimmt man mehr mit nach Hause als einen gesegneten Strauss.
Genau darin liegt vielleicht die Bedeutung eines Klosters mit jahrhundertealten Wurzeln: Es bewahrt die Vergangenheit nicht einfach auf. Es lässt sie lebendig bleiben, indem jedes Jahr neue Menschen kommen, mit ihren eigenen Händen anknüpfen und den alten Brauch weitertragen.
- bruder george/ bruder Paul