Gebets-Anliegen
Eine schöne Praxis: Menschen hinterlassen auf Zetteln ihre Fürbitten im Kloster. Oder nutzen den in der Kirche ausliegenden QR-Code, um die Bitten digital zu senden. Auch über die Website können Anliegen eingereicht werden. Die Fürbitten aufzuschreiben und auf diese oder jene Weise zu hinterlassen verbindet sich mit der Hoffnung, dass Menschen aus der Klostergemeinschaft diese Bitten vor Gott bringen. Kurz könnte man einwenden: Tut das not? Diese Bitten wurden im Herzen doch schon Gott hingehalten. Gott kennt unsere Herzen und hat die Bitten gehört, sogar noch bevor sie aufgeschrieben wurden. Und dennoch tut es gut zu wissen, dass andere Menschen diese Bitten aufnehmen und noch einmal vor Gott aussprechen. Das reiht sich ein in eine uralte christliche Praxis: Auch in den christlichen Gottesdiensten gehören seit ältester Zeit Fürbitten selbstverständlich mit dazu. Als Fürbittende bleiben wir nicht bei uns stehen und denken nur an uns selbst, an unsere eigenen Anliegen und Nöte, Hoffnungen und Wünsche. Sondern wir weiten unseren Blick und bringen die Anliegen und Nöte, die Hoffnungen und Wünsche anderer Menschen stellvertretend vor Gott. Für mich ist die Fürbitte ein Akt der Solidarisierung: ich mache mir die Sorgen und die Hoffnungen anderer bewusst, ich nehme Anteil an fremder Not und halte sie Gott hin. Und ich vertraue darauf, dass andere das auch mit meinen Anliegen tun.
Für mich ist das zugleich ein doppelter Akt der Solidarität: denn nicht nur ich bin als Fürbittender solidarisch mit der Not anderer. Auch Gott geht diesen Schritt der Solidarisierung. Als Christ bin ich überzeugt, dass Gott ganz lebenspraktisch Anteil an den Nöten der Menschen aller Zeiten genommen hat und nimmt. Durch Maria ist er in Jesus Christus Mensch geworden. Und dieser in Jesus Mensch gewordene Gott lässt sich ganz ein auf die Not der Menschen: Eine arme und prekäre Geburt im Stall. Ein Leben als einfacher Wanderprediger unter randständigen Menschen. Aus politischen Gründen zum Verbrecher erklärt. Einsam und verängstigt stirbt er am Kreuz einen elenden und verachteten Tod. Dieser Gott, der in Betlehem Mensch wurde und auf Golgatha am Kreuz starb, kennt alle Tiefen menschlicher Not und menschlichen Leidens aus eigener Erfahrung. Durch die Auferstehung Jesu hat er sie gewandelt in Hoffnung und Zukunft. Daher können wir Gott uns Nöte und Ängste, unsere Hoffnungen und Sehnsüchte hinhalten. Die eigenen und in der Fürbitte auch die anderer Menschen. Gott wird sie hören. Und die Not wandeln. Darauf können wir vertrauen. Und wir können als Fürbittende Gottes Vorbild nacheifern und zu solidarischen Menschen werden.
Benjamin Schöler (Gast)