Zum Hauptinhalt springen

Warum fasten deine Jünger nicht?

Da die Jünger des Johannes und die Pharisäer zu fasten pflegten, kamen Leute zu Jesus und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten ? Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist ? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein ; an jenem Tag werden sie fasten. (Mk 2,18-20)

Es bleibt ihnen erspart, einen neuen Anzug zu kaufen, um an der Hochzeit ihres Freundes teil zu nehmen. Sie können es sich sogar erlauben, richtig zuzugreifen, weil sie für einmal nicht auf ihre Linie achten müssen. Mit einer ähnlichen Begründung, wie Sie auf den Kauf eines neuen Anzugs verzichten  und  darum richtig feiern können, rechtfertigt Jesus das fastenfreie Verhalten der Jünger mit ihrer Teilnahme an einer Hochzeit: „ Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten“.

Es gibt weder den Anlass noch das Motiv zum Fasten. Noch ist Jesus am Leben, noch kann er für das Reich Gottes werben und beten und es mit seinen überraschenden Taten verwirklichen, noch kann er seine Getreuen mit der Nähe Gottes als unseren barmherzigen Vater vertraut machen, noch findet er den Glauben an die Frohbotschaft, weil und solange er bei ihnen ist.

Aber da gibt es auch die Vorbehalte gegen Jesus und seine religiöse Haltung. Die Frage nach dem Fasten wird zur Frage nach der Vereinbarkeit mit der Tradition und Anlass zur künftigen Trennung.

Denn der Frage nach dem Fasten gehen unmittelbar zwei Ereignisse voraus, welche die Trennung zwischen den verschiedenen Gruppen der Jünger vertieften.  Zunächst war es die Berufung des Zöllners Matthäus, in dessen Haus es zu einem Mahl kam, an dem auch Zöllner und Sünder teilnahmen. Angesprochen auf diese unerhörte Tat bestätigt Jesus seine unerwartet klare Haltung: „ Ich bin gekommen, Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“.

Ebenso klar war seine Haltung bei der Heilung des Gelähmten, der samt seiner Tragbare durch das Dach vor Jesus gebracht wurde und von ihm vernehmen durfte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“!

Der Zuspruch löst Widerspruch und ein Wirrwarr von Gedanken aus: „Wer kann Sünden vergeben, ausser dem einen Gott“. Jesus reagiert mit einer Gegenfrage: „Was ist leichter, Sünden zu vergeben oder dem Gelähmten zu sagen, nimm deine Bahre und geh nach Hause?“ Wie der Geheilte tatsächlich aufsteht, geraten alle ausser sich und sagen: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Wie das Feiern wird auch das Fasten von Jesus und seiner Gegenwart abhängig gemacht: „Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein, dann werden sie fasten“. Der Eindruck, dass ER weit weg und unerreichbar ist, kann Trauer und Angst, Einsamkeit und Verzweiflung auslösen, bis das Fasten und seine Wirkung die Wende und das Neue bringt. Dann verträgt es sich nicht, wenn der alte Lappen mit einem Stück neuen Stoff geflickt und wenn der neue Wein in alte Schläuche gefüllt wird. Das Neue und Unerwartete wird für immer an die Person und Botschaft, an die Auferstehung und Wiederkunft von Jesus Christus gebunden sein. Es gilt auch für das Fasten.

- Bruder Walter Annen