Nein, es werden keine Schnecken gegessen
Emsiges Treiben herrscht im Kapuzinerkloster am Morgen vom 6. Januar. Der Regierungsrat des Kantons Luzern wird zum Mittagessen erwartet. Tische werden im Refektorium gerückt und in der Küche wird gerüstet und gekocht, was die Messer und Kochplatten halten. Punkt zwölf dann erscheinen die Gäste im Refektorium des Klosters zum Apéro und zum Essen. Da wird ausgetauscht, kennengelernt und gelacht. Da die Regierungsmitglieder alle schon länger im Amt sind, gibt es da schon einige Vorkontakte - kommen sie ja jedes Jahr zum statutarischen Schneckenessen. Nun, Schnecken werden schon lange nicht mehr aufgetischt. Früher waren Schnecken ein Armenessen - typisch für den Bettelorden der Kapuziner. Heute gibt es ein Salatbuffet und dann ein weiteres Buffet für den Hauptgang.
Nach Protokoll sind zwei Ansprachen vorgesehen. Die erste stammt vom Guardian des Kapuzinerklosters, Bruder George Francis Xavier. Er weiss zu jedem Departement und seinem Vorsteher, seiner Vorsteherinnen einiges zu sagen. Der indischstämmige Kapuziner hat sich schon ziemlich in die Luzerner Politik eingearbeitet und ist ein begnadeter Redner. Die zweite Ansprache geht nach Protokoll an die Regierungspräsidentin Dr. iur. Michaela Tschuor. Sie äusserte ihren Dank an die Brüder und vor allem an Bruder George, dass er am politischen Treiben präsent ist, und dass sie ihn auch durchs Jahr immer wieder trifft. Gut zu wissen ist für sie auch, dass es am Schneckenessen keine Schnecken gibt.
Abgerundet wurde der Besuch dieses Jahr mit einem Besuch des Provinzarchives. Die Provinz-Archivarin Dr. phil. Colette Halter-Pernet präsentierte eine breite Palette an Archivalien: Vom ältesten Dokument des Provinzarchivs – dem päpstlichen Generalprivileg aus dem Jahr 1255 zur Anerkennung der Wundmale des Franziskus von Assisi – über Verwaltungsschriftgut wie das Protocollum maius, in dem seit dem 16. Jahrhundert alle Brüder der Schweizer Kapuzinerprovinz mit Kurzbiografien verzeichnet sind, bis hin zum 2023 vom Generalministerium des Kapuzinerordens in Rom ausgestellten Aufhebungsdekret des Klosters Olten und andere mehr.
Das Provinzarchiv in Luzern beherbergt das Schriftgut der Schweizer Kapuziner seit den Anfängen des Kapuzinerordens im Gebiet der heutigen Schweiz. Es umfasst damit einen seit Ende des 16. Jahrhunderts gewachsenen Bestand, der die Organisation und die vielfältige Tätigkeit dieses volksverbundenen Ordens beleuchtet, und der durch das in der Provinz entstehende Schriftgut kontinuierlich erweitert wird. Mit den in den Jahren 2001 und 2002 erfolgten infrastrukturellen Umbauten und Erneuerungen verfügt das Provinzarchiv über eine Gesamtaufnahmekapazität von vier Laufkilometern und zählt somit zu den grössten Archiven des Kapuzinerordens.
- Bruder Adrian Müller