Ein Abend, der nicht anfing – er entfaltete sich
So war es am 29. Mai 2026, als sich die Türen der Kapuzinerkirche auf dem Wesemlin öffneten: Irgendwo unter dem Steinboden liegt sie noch, jene Nacht des Jahres 1531, als ein Ratsherr zwischen Trümmern eine schwebende Gestalt erblickte und aus Zerstörung plötzlich Gegenwart wurde. Aus dieser Spur sind irgendwann auch wir Kapuziner hierhergekommen – nicht als Anfang, sondern als Antwort.
Dann: ein erster Klang. Mit Hakims Salve Regina setzte Franz Schaffner an, als würde er nicht spielen, sondern den Raum abtasten, ihn hörbar machen. Die Töne standen im Raum wie Fragen – leise und doch bestimmt.
Dazwischen das Wort. Simone Parise sprach von Gott als dem grössten Visionär – ein Gedanke, der sich zuerst querstellt und dann hängen bleibt wie ein Stein im Schuh. Von dort spannte sich der Bogen weit zurück zum Garten Eden und vorwärts zu Maria, die mit ihrem Ja nicht nur zustimmt, sondern Welt verändert.
Scheidemanns Magnificat im dritten Ton nahm diesen Gedanken auf, ohne ihn zu erklären: Schicht um Schicht, Vers um Vers, ruhig und fast tastend. Bei Bach verdichtete sich das Ganze – das Choralvorspiel richtete innerlich auf, und die Magnificat-Fuge begann zu kreisen, zu jagen, zu leuchten. Hier wurde hörbar, dass Glaube auch Bewegung ist.
Simone führte weiter, zu Franziskus – einem schrägen Vogel vielleicht, aber einem, der etwas gewagt hat und damit bis heute nachwirkt. Mit Hakims Mariales trat schliesslich die Gegenwart hinzu: Die Incantation suchte, die Pastorale beruhigte, die Antienne verband, und in der Danse öffnete sich eine Leichtigkeit, die nicht flüchtig war, sondern getragen. Musik und Wort lagen nicht nebeneinander – sie durchdrangen sich wie zwei Sprachen, die dasselbe sagen, ohne sich zu wiederholen.
Nach dem letzten Ton blieb es still – nicht leer, sondern erfüllt. Später im Klosterhof, beim Apéro, löste sich diese Stille in Gespräche auf: unkompliziertes Zusammensein mit dem Organisten und dem Autor der Texte, unter dem Abendhimmel. Vielleicht liegt genau darin das Eigentliche dieses Abends: dass aus Klang Begegnung wurde – und aus einer alten Vision plötzlich wieder etwas Gegenwärtiges.
- bruder george
Der gesamte Text dieses Abends, verfasst von Simone Parise, ist auf dieser Seite als PDF verfügbar.