Dienen oder verwalten?
Jesus wusch seinen Jüngern die Füsse – ein Zeichen tiefster Demut. Franziskus küsste die Wunden der Aussätzigen, nicht weil es vorgeschrieben war, sondern weil die Liebe es verlangte. Der „Poverello“, der in seiner zerschlissenen Kutte durch Assisi zog, sagte: „Beginne bei den Wunden, nicht bei den Regeln.“ Doch wie leben wir das in einer Welt, die Effizienz und Struktur fordert?
Es besteht die Gefahr, dass wir zu Verwaltern eines frommen Unternehmens werden. Dokumente müssen stimmen, Prozesse klar sein – das ist wichtig. Doch dürfen Strukturen je wichtiger werden als die Menschen, die sie tragen? Regeln sollen dem Leben dienen, nicht umgekehrt. Wenn wir den Menschen hinter den Akten aus den Augen verlieren, wenn das System Vorrang vor der Seele hat, werden wir unmerklich von Dienern zu Verwaltern, von Brücken zu Mauern.
Ein franziskanisches Paradox zeigt sich: Ordnung schafft Raum für die Unordnung der Liebe. Nicht die perfekte Struktur macht uns heilig, sondern die Liebe, die wir im Chaos des Lebens schenken. Doch wenn Systematik zum Selbstzweck wird, erstickt sie den Geist. Franziskus, der „kleine Arme“, lebte ohne Furcht vor dem Chaos, weil seine Autorität aus Hingabe kam, nicht aus Ämtern. Wenn wir heute Entscheidungen treffen, sollten wir uns fragen: Wem dient das? Dem Bruder, der Schwester, die an unsere Tür klopft? Oder nur der Effizienz?
Als Gemeinschaft, die Gott sucht, begegnet uns der Mensch. Dienst kann bedeuten, Regeln zu hinterfragen, wie Jesus es tat, als er am Sabbat heilte. Manchmal heisst es, Ordnung zu wahren, damit alle sich geborgen fühlen. Die wahre Herausforderung ist, im Herzen Diener zu bleiben – auch wenn wir Verantwortung tragen. Am Ende zählt nicht die Perfektion unserer Bücher, sondern ob jemand durch uns Gottes Nähe gespürt hat.
Wie ein Dichter einst schrieb: „Selbst der Wind folgt seinen Bahnen – doch er trägt den Duft der Linden zu denen, die ihn brauchen.“
- bruder george