Der kürzeste – und der längste – Weg zu Gott
Diese Antwort irritiert: Helfen ist beides – der direkteste und zugleich der schwierigste Weg zu Gott. Helfen klingt einfach. Doch wer wirklich hilft, weiss: Es fordert alles von uns. Helfen bedeutet, auf etwas zu verzichten – auf Zeit, auf Geld, auf Sicherheit.
Barmherzigkeit hat ihren Preis. Sie kostet Zeit, Geld, Kraft und manchmal auch unsere Sicherheit. Wer einem alten Nachbarn zuhört, verliert Zeit für eigene Projekte. Wer fair einkauft, zahlt mehr. Wer Geflüchtete unterstützt, wird vielleicht belächelt oder kritisiert. Wer tröstet, trägt auch fremde Sorgen mit. Wer einem Kind mit Lernschwierigkeiten Nachhilfe gibt, hat weniger Freizeit. Wer einem Obdachlosen in die Augen schaut, wird mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert. Wer in der Pflege arbeitet, verzichtet oft auf geregelte Arbeitszeiten und hohe Löhne. Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, riskiert Widerspruch – auch im eigenen Umfeld. Wer einem überforderten Elternteil hilft, muss eigene Pläne verschieben. Wer sich Zeit nimmt für jemanden mit Depressionen, trägt mit an einer unsichtbaren Last. Wer in der Gemeinde Verantwortung übernimmt, hat weniger freie Wochenenden. Wer sich für Nachhaltigkeit engagiert, lebt oft gegen den Strom. Wer sich für Menschen mit Behinderung einsetzt, braucht Geduld – und manchmal starke Nerven. Wer sich in der Politik für Menschlichkeit starkmacht, wird nicht immer gewählt. Wer zuhört, statt zu urteilen, wird manchmal selbst angegriffen. Wer vergibt, verzichtet auf das Recht, im Recht zu sein.
Barmherzigkeit macht unser Leben nicht einfacher. Sie ist kein Projekt, sondern Hingabe. Barmherzigkeit heisst: stehen bleiben, wo andere hetzen; investieren, wo andere kalkulieren; lieben, wo andere recht haben wollen.
Wo wartet unsere Barmherzigkeit?
In unseren Städten und Dörfern, in Altersheimen und Spitälern, auf Bahnhöfen und Trottoirs, in Schulzimmern, Büros und WhatsApp-Chats. Im Wartezimmer einer überlasteten Hausarztpraxis, im Pflegeheim, wo jemand seit Tagen keinen Besuch hatte, in der Küche einer alleinerziehenden Mutter, im Klassenzimmer eines Kindes, das ausgegrenzt wird, im Büro, wo jemand still leidet und niemand fragt, wie es ihm geht, in der Notunterkunft eines Asylsuchenden, im Wohnzimmer eines älteren Ehepaars, das sich einsam fühlt, in den Kommentarspalten im Internet, wo Hass statt Mitgefühl herrscht, in der Warteschlange vor dem Sozialamt oder beim RAF, in der stillen Träne einer Jugendlichen, die sich unverstanden fühlt, im Gespräch am Telefon, das wir fast nicht geführt hätten, in der Nachbarschaft, wo jemand Hilfe bräuchte, aber nicht fragt. Überall dort gibt es Menschen, verletzt an Leib oder Seele.
Überall dort ruft uns Gott zu:
«Hilf dem, der leidet.»
Warum ist Helfen der kürzeste Weg zu Gott? Weil wir Gott am nächsten sind, wenn wir barmherzig sind.
Und warum ist es zugleich der längste Weg? Weil es uns alles kosten kann: unsere Zeit, unser Geld, unsere Sicherheit – manchmal sogar unser Herz.
(Bei den Kapuzinern ist es üblich, an Werktagen mittags eine warme Mahlzeit kostenlos für bedürftige Menschen anzubieten. Zusätzlich finden zweimal im Jahr besondere Begegnungen statt: Dann essen alle Gäste der Suppenstube gemeinsam mit der Gemeinschaft im Kloster.
Dieses Jahr treffen wir uns am 8. August zu einem Sommergrill – ein Fest des Teilens und der Gemeinschaft.
Möchten Sie dieses Angebot unterstützen?
Dann finden Sie weitere Informationen und die Möglichkeit zur Spende unter:
👉 www.klosterluzern.ch/spenden)
- bruder george