120 Millionen Jahre bis hierher
An einem Morgen im September brach vom Kapuzinerkloster Wesemlin aus eine Gruppe auf, die sich für einen spirituellen Wandertag angemeldet hatte, um am Vierwaldstättersee nicht einfach einen Weg zu gehen, sondern sich von einem Weg verwandeln zu lassen. Von Beckenried aus führte die Route am Südufer entlang, hinauf durch eine tosende Schlucht und über stille Waldhöhen bis hinunter nach Treib. Unterwegs hielt die Gruppe an sieben Orten inne – nicht um zu rasten, sondern um zu lauschen: dem Wasser, der Weite, dem eigenen Inneren.
Wer bei einem solchen Tag eine fromme Wallfahrt erwartet, wird überrascht. Spiritualität zeigte sich hier nicht als fromme Extraleistung, sondern in den alltäglichsten Dingen überhaupt: in müden Waden, in einem Stein, den jemand am Wegrand aufhob, in der Geduld eines Bachs, der sich über Jahrhunderte seinen Weg durch den Fels gegraben hat. Am Fuss der Risletenschlucht stehen Spuren im Kalk, die vor über hundertzwanzig Millionen Jahren im weichen Schlamm eines Urzeitmeeres entstanden sind – ein einziger, unscheinbarer Schritt, der überdauert hat, während Kontinente wanderten, Alpen sich falteten und Eiszeiten kamen und gingen. Und plötzlich stellt sich die Frage, die den ganzen Tag tragen sollte: Welche Spuren hinterlassen wir selbst – nicht im Fels, aber im Leben anderer Menschen, mit einem Wort, einem Zuhören, einem gemeinsamen Wegstück?
Der steilste Abschnitt des Tages wurde zur unbeabsichtigten Lektion. Der Aufstieg zog die Gruppe auseinander, das gemeinsame Tempo zerfiel in viele Tempi – und gerade daraus entstand eine Erkenntnis, die kein Wanderführer vorformulieren kann: Aufeinander warten heisst zueinander gehören. Es brauchte keine Konkurrenz und auch keine erzwungene Gleichförmigkeit, sondern die Erfahrung, dass eine Gemeinschaft genau dann Gemeinschaft wird, wenn sie die verschiedenen Schritte aushält und sich am nächsten Halt wieder zusammenfindet.
Oben, wo der Wald kurz aufklarte und der Blick über den See bis zu den Mythen reichte, veränderte sich der Blick zurück auf den Weg: Was unten mühsam und fast unüberwindbar gewirkt hatte, lag nun hinter den Wanderern. Die Höhe verändert nicht den Weg – sie verändert nur die Sicht darauf. In einem dunklen, stillen Waldstück bei Hinter Steckenmatt geschah, was im Alltag selten geschieht: zehn Minuten Schweigen, in denen die leisen Stimmen hörbar wurden, die sonst überdeckt bleiben.
Am Anleger von Treib, wo schon im frühen Mittelalter Schiffe vor dem stürmischen Föhn Schutz suchten, hielten die Wanderer ein letztes Mal inne und erzählten einander die Geschichten der Gegenstände, die sie unterwegs gefunden hatten. Auf der Schifffahrt zurück lag die ganze Strecke noch einmal sichtbar im Abendlicht da – wie ein Leben, das man vom Wasser aus betrachtet: geordneter, klarer, doch nicht mehr zu ändern.
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst eines solchen Tages: dass aus einer einfachen Wanderung eine Ahnung wird – die Ahnung, dass Alltag, Körper, Natur und Zugehörigkeit keine Gegensätze zur Spiritualität sind, sondern ihre Bedingung. Und dass jeder Weg immer schon über sich selbst hinausweist.
- bruder george