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Bruder Josef Regli

Bruder Josef Regli lebt bald 20 Jahre in Luzern. Wichtig waren ihm seine 20 Jahre im Haus der Stille, zuerst im Kapuzinerkloster Arth, später im Kloster Altdorf.

In einer Gemeinschaft hat jeder Bruder seine Rituale und Eigenheiten. Einer der ersten – jedoch nicht der Erste – das ist Bruder Josef Regli, der die breite Klostertreppe hinunter an die Kaffee-Maschine läuft. Dieser Kaffee wird bewusst und «andächtig» getrunken, wie dann durch den Tag auch alles aufmerksam wahrgenommen werden soll: Blumen, Pflanzen, Menschen etc. Dies hat Bruder Josef von Franz Jalic in der Kontemplation gelernt. Den Tag bewusst angehen und dann durch den Tag in solcher Wahrnehmung leben.

In Liturgie, Chorgebet und Messfeier können Mitfeiernde feststellen, dass Bruder Josef sich vor dem Formulieren besinnt und dann jedes gesprochene Wort bewusst setzt. „Mir ist die Präsenz wichtig,“ kommentiert der Kapuziner, „und das nicht nur im Gebet“. Sein Beten wurde unter anderem von seinem zwanzigjährigen Wirken im Haus der Stille geprägt. Und durch diese Präsenz wird seine Gottesbeziehung geprägt: Gott ist in und über allem präsent. Gleichzeitig ist und bleibt Gott ein Geheimnis. „Die Kontemplation ist eine Übung, um präsent zu sein im Augenblick und damit in der Gegenwart des Geheimnisses Gottes“ erzählt Bruder Josef. Der Barockdichter Andreas Gryphius hat diese Wahrheit so ausgedrückt: «Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, so ist DER mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.» 

Konkrete Gebete sprudeln dem Bruder aus dem Gedächtnis hervor und seine Arme kommen in Bewegung, wenn er Gebete rezitiert und kommentiert. Das prägendste Gebet ist Josef Regli ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer:

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. …

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Für Josef Regli ist Gott immer da, als umfassende, bergende, grenzenlose Liebe. Gott ist präsent. Dies auch im Schweren und Schmerzlichen. „Im Leben begegne ich dieser göttlichen Gegenwart und Liebe“, betont der Kontemplation erprobte Kapuziner. Die Präsenz von göttlicher Wirklichkeit und göttlichem Du begleitet ihn in seinem Leben in zweifacher Hinsicht. In der menschlichen Wahrnehmung nehmen wir andere Menschen als Gegenüber, als Einzelwirklichkeit wahr. Wir nehmen Lebensenergie oder Luft als «Sache» wahr, die in allem da ist. Im göttlichen Du sind diese beiden Dimensionen vereint. Gott ist sowohl dieses liebende Du wie auch Energie, Kraft, Geist, welche das ganze Sein umhüllt und durchströmt.

Als Bibeltext ist Josef Regli 1. Johannesbrief, Kapitel 4, Verse 7 bis 16 ans Herz gewachsen. Wichtig wird ihm bei diesem biblischen Text, dass das göttliche Geheimnis, das in allem und um alles herum und über allem da ist, als Liebe erfahren und bezeugt wird. In Jesus Christus hat sich diese Liebe als bedingungslose Liebe gezeigt, die stärker ist als der Tod. „Ich glaube Jesus seinen Gott» zitiert Bruder Josef den evangelischen Theologen und Publizisten Heinz Zahrnt. Ich glaube, dass das göttliche Geheimnis so ist, wie  Jesus gesagt und in seinem ganzen Leben verwirklicht hat.  Die göttliche Liebe zeigt sich in Jesus Christus als Liebe, die sich inkarnieren (Mensch werden) will. Es ist unsere Bestimmung und unsere tiefste Würde, in unserer Art, mit unserer Farbe, mit unseren Gaben die göttliche Liebe in uns Mensch werden zu lassen. Der heilige Franz von Assisi hat es mit einem Bild so ausgedrückt: Wir haben die Berufung, Mütter zu sein für Jesus Christus. Wir dürfen gleichsam mit Ihm schwanger sein und ihn, seine Liebe, mit unserem ganzen Leben gebären. Bruder Josef will daher selbst diese göttliche Liebe mit seinen Gaben in die Beziehungen hinein gebären. Und darin fand er seine eigene Berufung, den Menschen Geburtshelfer zu werden, das heisst sie so zu begleiten, dass sie selbst zu Gebärenden dieser göttlichen Liebe werden. Klar ginge es da auch um Psychologie. Ein menschlicher Reifungsweg beinhaltet immer auch die menschlich-psychologische Seite. Deshalb hat Bruder Josef nach dem Theologiestudium noch Sozialarbeit studiert, damit er auch Kenntnisse in dieser menschlich-psychologischen Seite hat. Aber letztlich geht es dem Kapuziner um die göttliche Dimension. Es geht ihm darum, mit Menschen zusammen nachzuspüren, wie sie Gott in ihrem Leben ahnen und erfahren können, wie sie die Führung Gottes in ihrem Leben spüren können und wie die göttliche Liebe sich in ihnen in ihrer je eigenen Art inkarnieren will.

Wie schon die bisherigen Gschichten zum Gsicht-Interviews gezeigt haben, ist einigen Luzerner Kapuzinern Bruder Klaus sehr wichtig und inspirierend. Für Bruder Josef nimmt das Buch von Klara Obermüller Ganz nah und weit weg, Fragen an Dorothee, die Frau des Niklaus von Flüe eine überraschend neue Perspektive ein. Für ihn ist Dorothee von Flüe eine Frau, in der diese göttliche Liebe in einer sehr tiefen, berührenden Weise «Mensch geworden» ist. Das Buch von Klara Obermüller begleitet Josef Regli seit vielen Jahren. Klara Obermüller wurde später die Frau von Kurt Studhalter, einem Kapuziner, den Bruder Josef selbst gekannt und sehr geschätzt hat. Im Buch ist Klara Obermüller noch in der Situation, dass sie nicht weiss, ob Kurt Studhalter Kapuziner bleiben oder austreten und sie heiraten wird. In dieser Situation will sie von Dorothee lernen, wie sie den Ranft ertragen konnte. Bruder Klaus wollte seinen Weg seiner Frau nicht aufzwingen. Er wollte seinen Weg nicht gehen ohne das Ja seiner Frau zu seinem Weg. Woher hatte Dorothee die Kraft zu diesem Ja? Diese Frage beschäftige Klara Obermüller bei ihrem eigenen Weg. Sie spürte aber auch, dass viele Menschen vor einer solchen Frage und Entscheidung stehen. Sie schreibt in ihrem Buch: «Der Ranft ist überall. Dass einer ganz nah ist doch weit weg. Gebunden, unerreichbar.» «Ich möchte von dir lernen, den Ranft zu ertragen», das ist eine Frage, welche Bruder Josef darin beschäftigt. Dabei ist dies ihm eine eigene existenzielle Frage, wie auch ein Erleben, das zahlreiche Beziehungen heute prägt. Wie kann man trotz Liebe und Beziehung den anderen seinen Weg gehen lassen und seine je eigene Berufung leben lassen? Und die Antwort, die Klara Obermüller Dorothee in den Mund legt: «Du sagst, Du weisst, was Liebe ist? Dann weisst Du auch die Antwort. Ihn lassen aus Liebe. Ihn lassen, wenn es das ist, was er braucht.» Klara Obermüller antwortet: «Du liessest ihn gehen. Aus Liebe, sagst Du. Liebe zu Ihm? Liebe zu Gott? Verstehe ich Dich richtig? Es gibt nur eine Liebe, eine in beiden?»

Liebe will Mensch werden. So hat sich die göttliche Liebe in Jesus Christus, in Franz von Assisi gezeigt. Dorothee, die Frau des Niklaus von Flüe, hat diese Wahrheit in ihrer Art sehr berührend verwirklicht. Für Bruder Josef ist es der Wunsch, dass diese Wahrheit in ihm und in den Menschen, die er begleiten darf, immer mehr Wirklichkeit wird.

Bruder Adrian Müller