Wenn Worte eine Stimme bekommen
Am Wesemlin beginnt es mit Menschen, die den Hügel hinaufkommen. Sie reisen aus verschiedenen Quartieren und Gemeinden an. Viele nehmen nicht den kürzesten Weg. Sie kommen freiwillig, weil sie im Gottesdienst eine Aufgabe übernommen haben.
An diesem Abend treffen sich rund zehn Lektorinnen und Lektoren mit der Kapuzinergemeinschaft. Es geht um die Planung der kommenden Einsätze. Doch bald wird klar, dass es um mehr geht als um Termine.
Eine von ihnen ist Esther. Sie ist aufmerksam, zuverlässig und präzise. An Werktagen übernimmt sie im Wesemlin oft allein den Lektorendienst. Auch in der Jesuitenkirche und in der Hofkirche trägt sie Lesungen vor. Vor jedem Einsatz liest sie die Texte zu Hause. Esther möchte die biblischen Worte nicht verschönern. Sie will sie klar und unverändert weitergeben. Für sie ist der Lektorendienst nicht irgendeine Aufgabe. «Mein erster Dienst am Tag ist der Lektorendienst», sagt sie.
Bruder Josef Bründler hört diese Worte mit Dankbarkeit. Für ihn zeigt der Dienst, dass die Eucharistiefeier nicht nur auf den Priester ausgerichtet ist. Die Lektorinnen und Lektoren vertreten die versammelte Gemeinde. Sie machen deutlich, dass der Gottesdienst mit allen gefeiert wird.
Wenn eine Stimme die Lesung beginnt, verändert sich die Atmosphäre in der Kirche. Das Buch auf dem Ambo bleibt dasselbe. Doch nun bekommt der Text einen Klang, eine Pause und ein menschliches Gesicht.
Die Lesung und die Predigt haben dabei verschiedene Aufgaben. Die Lektorin oder der Lektor verkündet das Wort. Der Priester oder Theologe legt es aus und bringt es mit dem Leben der Menschen in Verbindung. Erst zusammen entsteht ein Weg vom biblischen Text zur heutigen Erfahrung.
Im Kapuzinerkloster Wesemlin hat dieser Weg eine lange Geschichte. Schon früher engagierten sich viele Lektorinnen und Lektoren in der Seelsorge. Sie trugen die Gottesdienste mit und waren in der Gemeinschaft präsent. Heute führen Freiwillige diese Tradition weiter. Sie tun es nicht, weil sie einer vergangenen Zeit nachtrauern. Sie tun es, weil sie überzeugt sind, dass Kirche Menschen braucht, die Verantwortung übernehmen. Gerade im Wesemlin ist das nicht selbstverständlich.
Die Klosterkirche ist die Heimat der Kapuzinergemeinschaft. Menschen kommen aus unterschiedlichen Orten hierher. Manche suchen die Liturgie. Andere suchen Ruhe, Orientierung oder ein Gespräch.
Nach der Planungssitzung wird gemeinsam gegrillt. Die Gespräche wechseln das Thema. Aus Einsätzen werden persönliche Geschichten. Aus einer Gruppe von Freiwilligen wird eine Gemeinschaft, die sich auch ausserhalb des Gottesdienstes trägt. Darin liegt die überraschende Wendung dieses Abends. Der Lektorendienst führt nicht nur zum Ambo. Er führt zu den Menschen. Er verbindet die Kirche mit dem Alltag und den historischen Ort mit der Gegenwart.
Am Ende bleibt ein einfaches Versprechen: Tradition hat Zukunft, wenn du ihr deine Stimme leihst.
- bruder george