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Stille, Begegnung, Gemeinschaft – die Fastenzeit im Kapuzinerkloster Wesemlin

In einer Zeit, in der Hektik und Lärm unseren Alltag prägen, hat das Kapuzinerkloster Wesemlin seine Türen für ein besonderes Fastenzeiterlebnis geöffnet. Was einst als kleine Initiative begann, ist heute zu einer lebendigen Tradition geworden, die weit über die Klostermauern hinausstrahlt.

Im Kapuzinerkloster Wesemlin setzen wir jedoch einen anderen Akzent: Im Mittelpunkt steht nicht der Verzicht, sondern die bewusste Bereicherung durch Stille, Besinnung und gemeinschaftliches Erleben.

Jeden Mittag – ausser sonntags – luden die Glocken der Klosterkirche zum gemeinsamen Innehalten ein. Der Chorraum füllte sich täglich mit 25 bis 35 Personen: Klosterbrüder und Gläubige aus der Umgebung, vereint im Suchen nach geistiger Tiefe. Nach einem gemeinsamen Fastenlied hörten wir jeweils eine kurze Geschichte – meist eine Weisheitsgeschichte von geistlichen Lehrerinnen und Lehrern –, die zum Nachdenken einlud.

Das Herzstück unserer täglichen Zusammenkunft bildeten die acht Minuten Stille. In einer Welt voller Reize und Ablenkung mögen acht Minuten kurz erscheinen – und doch können sie herausfordernd sein. Im Gebetschor des Klosters entstand dabei eine spürbar dichte, fast greifbare spirituelle Atmosphäre. Dieses gemeinsame Schweigen verband uns auf eine tiefere Weise als viele Worte es vermögen.

Nach der geistlichen Nahrung folgte die leibliche: Im Refektorium des Klosters trafen wir uns zu einer einfachen, aber nahrhaften Mahlzeit aus Suppe, Brot, Käse und frischen Früchten. Doch das eigentliche «Hauptgericht» waren die Gespräche, die an den Tischen entstanden.

Menschen verschiedenster Herkunft, Generationen und Lebensgeschichten begegneten sich – Altbekannte und neue Gesichter sassen bunt gemischt beieinander. Es war berührend zu erleben, wie schnell sich eine vertraute Atmosphäre einstellte, wie offen persönliche Erfahrungen geteilt wurden und wie aufmerksam man einander zuhörte.

Für uns Brüder war diese tägliche Öffnung des Klosters eine grosse Bereicherung. Die Begegnung mit Menschen von ausserhalb brachte frischen Wind, neue Perspektiven und lebendigen Austausch in unseren klösterlichen Alltag.

In einer Zeit, in der religiöse Traditionen oft an Bedeutung verlieren, ist das wachsende Interesse an unserem Fastenzeit-Angebot ein hoffnungsvolles Zeichen. Es zeigt: Die Sehnsucht nach Spiritualität, nach Gemeinschaft und nach Momenten der Besinnung ist ungebrochen – vielleicht ist sie sogar am Wachsen.

Die Fastenzeit im Kapuzinerkloster Wesemlin wurde so zu einer echten Vorbereitung auf die Karwoche und das Osterfest: Nicht durch äusseren Verzicht, sondern durch inneres Wachstum. Nicht durch Rückzug, sondern durch Gemeinschaft. Nicht durch Askese, sondern durch bewusstes Erleben des Augenblicks.

Wenn die Fastenzeit eine Zeit der Umkehr sein soll, dann haben wir uns gemeinsam neu ausgerichtet – weg vom Lärm, hin zur Stille; weg von der Zerstreuung, hin zur Konzentration; weg vom Alleinsein, hin zur Gemeinschaft.

Der letzte Tag unserer gemeinsamen Meditation und des Fastensuppenessens steht bevor: Am Samstag vor Palmsonntag laden wir ein letztes Mal in dieser Fastenzeit dazu ein.

Wir danken allen, die gekommen sind und mit uns diese besondere Zeit geteilt haben. Diese Wochen haben nicht nur unsere Vorbereitung auf Ostern bereichert, sondern auch unser Leben im Kloster. Schon heute freuen wir uns auf die nächste Fastenzeit.

- bruder george