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In Greccio ist immer Weihnachten

Greccio — der Name klingt nach Steinfelsen, Glocken und stillem Gebet. Letzte Woche standen wir wieder in diesem Nest aus Fels und Gnade, das sich an die grünen Hänge Umbriens schmiegt.

Der Kalender zeigte Oktober, doch in uns pfiff bereits der Takt eines Adventliedes. Auf der Busfahrt, mit Blick ins Rieti-Tal, begannen wir Weihnachtslieder zu singen, zuerst halb im Scherz, dann ernsthaft. Anfangs wirkte das Singen ein wenig gezwungen, als wollten wir der Jahreszeit etwas vormachen.

Doch sobald wir durch das Kloster schritten und die Krippen aus aller Welt sahen, verwandelte sich die Geste in echtes Staunen. Vor uns standen Darstellungen aus Holz, Ton und Stoff, aus Peru, Polen und Korea, und alle erzählten dieselbe Geschichte.

Dabei wurde deutlich: Weihnachten ist mehr als ein Datum, mehr als eine Tradition oder hübsche Dekoration. Weihnachten geschieht dort, wo Menschen ihre Herzen öffnen und die Gegenwart Gottes wahrnehmen.

In Greccio wurde vor rund achthundert Jahren das erste Krippenspiel gefeiert, und seine Nachwirkung ist bis heute spürbar. Franziskus hatte damals die einfache, radikale Idee, die Menschwerdung nicht nur zu erklären, sondern erlebbar zu machen. Er wollte, dass die Menschen die Kälte der Nacht spüren, das Stroh riechen und den Atem der Tiere hören.

Keine kunstvolle Statue, sondern gelebte Demut — ein Evangelium in sinnlicher Nähe. Für Franziskus war die Inszenierung kein Spektakel, sondern ein Weckruf an eine Welt, die Gott leicht übersieht.

Thomas von Celano überliefert, wie ein Besucher das Kind in der Krippe leblos sah, bis Franziskus es «wie aus tiefem Schlaf erweckte». Vielleicht geschieht dieses Erwachen noch heute, jedes Mal, wenn Menschen in Greccio zur Ruhe kommen.

Wir erlebten es: beim gemeinsamen Singen, bei den Meditationen und beim Teilen des Brotes. Niemand stellte die Frage, weshalb wir im Oktober Weihnachten feiern; das Bedürfnis zu feiern war schlicht vorhanden. Die Grotte, in der Franziskus stand, wirkt unscheinbar, doch sie birgt eine Wärme, die tiefer geht als jedes Feuer. Dort spürten wir, wie nahe der Himmel einmal über der Erde war.

Papst Franziskus schreibt, die Krippe sei eine Übung der Vorstellungskraft, ein Weg, die Demut Gottes mit allen Sinnen zu begreifen. Genau das geschieht in Greccio: ein Lernen mit Händen, Augen und Herz. Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Ortes darin, dass Weihnachten hier zur Lebenshaltung wird und nicht bloss ein Datum im Kalender. Weihnachten ereignet sich, wo Menschen miteinander teilen, wo Zeit geschenkt und Frieden gesucht wird.

Franziskus forderte, dass an solchen Tagen sogar die Tiere mehr zu fressen bekommen sollen, so sehr war seine Freude bodenständig und konkret. Wir sangen «Stille Nacht» mitten am Tag, unter Sonne und Wind, und für einen Moment schien die Zeit den Atem anzuhalten.

Als wir Abschied nahmen, blieb kein Souvenir in unseren Händen, sondern ein leises Licht in den Herzen. Dieses Licht wärmt nicht von aussen, sondern entzündet etwas in uns, das alltägliche Augenblicke verwandelt.

Wer einmal in Greccio gewesen ist, weiss: Weihnachten kann jeden Tag werden, wenn man bereit ist einzutreten. Man muss sich nur trauen, einzutreten – und zu staunen.

- bruder george