Ein Abend, der unter die Haut ging: Gründonnerstag im Kapuzinerkloster Wesemlin
"An diesem Abend sind wir besonders eng mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern verbunden", eröffnete die Feier.
Die Lesung aus dem Buch Exodus führte uns zu den Wurzeln des Paschamahls zurück – jenes Mahl, das Jesus an seinem letzten Abend im Kreise seiner Jünger teilte. Die präzisen Anweisungen zur Zubereitung des Lammes, das Bestreichen der Türpfosten mit Blut, die Bitterkräuter und das ungesäuerte Brot – all diese Elemente verknüpfen Judentum und Christentum in einer gemeinsamen Tradition des Erinnerns.
"Kein Abend und kein Gottesdienst im ganzen Jahr ist so von Liebe durchdrungen wie dieser besondere, duftende Abend", vernahmen wir in der Predigt. Eine Reflexion über jene Liebe, die keine Grenzen kennt – eine Liebe, die uns manchmal sogar im Innersten erschüttert.
Tief berührend war die Erzählung einer Frau, die Jesus aus der Küche beobachtet, wie er seinen Jüngern die Füsse wäscht. Petrus, der diese Geste zunächst nicht annehmen kann – wie oft erleben wir Ähnliches? Bedingungslose Liebe zu empfangen fällt uns schwerer als gedacht.
"Wirklich lieben kann nur, wer sich durch und durch geliebt weiss." Diese Erkenntnis bildete das Herzstück der Feier. Jesu Vermächtnis ist die grenzüberschreitende Liebe – und nur aus erfahrener Zuneigung kann wahrhaftiges Sich-Verschenken wachsen.
In einer bewegenden Geste traten die Anwesenden einzeln nach vorne und stellten ihre Rose in die Vasen. Dabei sollten sie sich fragen: Wem möchte ich in den kommenden Tagen einen Dienst der Liebe erweisen? Die Rose wurde zum Symbol eines Versprechens, empfangene Liebe weiterzugeben – sei es durch einen Anruf, ein Gebet oder eine Geste der Zuwendung.
Im Refektorium des Klosters teilten wir anschliessend Brot und Wein – nicht als feierliche Liturgie, sondern in schlichter Gemeinschaft. So wie Jesus mit seinen Jüngern speiste: ohne Hierarchie, ohne Vorbehalte. Ein Vorgeschmack dessen, was Kirche sein kann: ein Ort, an dem alle gleich sind an der Tafel des Herrn, wohl genau so, wie es damals war, als Jesus das Brot brach.
Die behutsamen Momente der Stille zwischen den einzelnen Elementen der Feier schufen Raum für persönliche Besinnung: Wer braucht meine Zuwendung? Wem möchte ich meine Liebe schenken?
Zum Abschluss verliessen wir schweigend die Kirche – symbolisch wie der Gang zum Ölgarten, wo Jesus seine letzte Nacht verbrachte. Kein formeller Segen, kein Schlusslied – nur die Stille der hereinbrechenden Nacht, begleitet vom leisen Nachklang des Liedes "Bleibet hier und wachet mit mir".
Die feinfühlige musikalische Begleitung durch Orgel, E-Piano und Klarinette von Stefan Britt und Voichita Nica unterstrich die tiefe Bedeutung dieses besonderen Abends.
Die von Monika Schmid und Bruder Josef Bründler gestaltete Liturgie im Kapuzinerkloster Wesemlin entfaltete all diese Dimensionen des Gründonnerstags in einer tiefgründigen und symbolreichen Feier. Sie wurde zu einem Raum, in dem wir die verwandelnde Kraft der Liebe spüren konnten – einer Liebe, die letztlich stärker ist als der Tod selbst.
- bruder george