Achtzig Jahre Bruder Josef Regli
Am 20. Mai versammelte sich die Kapuzinergemeinschaft des Klosters Wesemlin zu einem festlichen Mittagsmahl – und wer dabei war, erlebte nicht einfach eine Geburtstagsfeier, sondern eine echte Begegnung mit einem Menschen, der seit Jahrzehnten leise und verlässlich seinen Dienst tut.
Achtzig Jahre – das ist keine blosse Zahl. Das ist ein ganzes Leben. Und wer Josef kennt, weiss: Für ihn ist im Leben eigentlich alles gut. Auch wenn etwas schiefläuft, findet er noch etwas Schönes darin. Und wenn gar nichts Schönes zu sehen ist, sucht er so lange weiter, bis doch noch etwas kommt.
Zum Einstieg sang die Musikerin Lea das Lied «Ds Hippigschpängschtli» von Peter Reber – und die Wahl war alles andere als zufällig. Denn Bruder Josef ist der treue Nachtwächter des Klosters. Wenn die Uhren gegen zehn schlagen, beginnt seine stille Runde durch die Gänge, vorbei an den Beichtstühlen, zu den öffentlichen WCs – nicht als Kontrolleur, sondern mit dem Herz eines Seelsorgers. Wer dort in der Nacht Zuflucht sucht, wird nicht gerügt, sondern empfangen: mit einem freundlichen Wort, manchmal einem leisen Segen. Genau so erlebt Josef die Unordnungen des Alltags und die unruhigen Nächte: mit Geduld, Menschlichkeit und feinem Humor.
Schwester Maria Angelika brachte zum Fest eine Geschichte mit, die tief nachhallte. Rainer Maria Rilke begegnete in Paris täglich einer Bettlerin, die stumm an einer Mauer sass und jede Münze wortlos einsteckte. Eines Tages legte er ihr keine Münze in die Hand, sondern eine Rose. Die Frau sah auf, ergriff seine Hand und küsste sie – und blieb darauf eine ganze Woche lang fort. Auf die erstaunte Frage, wovon sie wohl gelebt habe, antwortete Rilke: «Von der Rose.» Diese Geschichte passt zu Bruder Josef wie kaum eine andere. Er hat immer gewusst, dass man dem Herzen schenken muss, nicht bloss der Hand.
Josef hat viel gegeben in seinem Leben, vor allem in der Seelsorge – und dabei selbst so wenig gebraucht. Er ist zufrieden, er will nichts, er nimmt grosszügig die alten Geräte der anderen, damit diese sich ein neues leisten können. Das sei, so hiess es mit Augenzwinkern, auch eine Form von Nächstenliebe. Doch an diesem Tag wartete eine Überraschung: ein Smartphone. Josef, der Mann des alten Nokias, tritt ein in die Welt des Touchscreens – begleitet von Kevin, der ihn in diese neue Lebensphase einführen wird.
Lea zog mit ihren Liedern einen musikalischen Bogen durch den ganzen Nachmittag: über das Buch des Lebens mit seinen geraden und krummen Zeilen, über das Staunen vor einer Schöpfung, die grösser ist als jeder Gedanke, und schliesslich über den Tanz mit Gott – manchmal stolpernd, immer wieder aufgefangen. Josef selbst kam ebenfalls zu Wort, kurz und klar, wie er ist. Dann das gemeinsame Anstossen: auf Bruder Bernardin, der seinen Namenstag grosszügig in Josefs Schatten stellte, und auf Bruder Josef – auf achtzig Jahre, auf ein Leben, das ein Geschenk für die Gemeinschaft ist.
So bleibt dieser Mittag in Erinnerung als etwas Unaufgeregtes und gerade darum Besonderes.
80 Jahre Bruder Josef – das ist kein lauter Meilenstein, sondern eine Spur, die leise weiterführt.
- bruder george